Letzte Phase der Lehrtätigkeit

Am folgenden Tag am Morgen ging Nimai zu dem Platz, wo der Unterricht stattfand, also zum Vorhof des Hauses von Purushottam Sänjays, um seine Lehrtätigkeit wieder aufzunehmen, wie ihn sein Lehrmeister Gangadas Pandit geheißen hatte. Nimai saß umgeben von unzähligen Schülern als jemand sagte: Hari! Hari!

Voller Freude überkam Nimai eine Gänsehaut und es brach aus ihm heraus: „wie lieblich das klinget, es sei Sri Krischna, der euch allen hier die Gnade erweise. Warum seid ihr so bemüht, Wissen anzueignen, das ist wertlos. Die Divinität in sich zu erfahren und zu erleben ist die ultimative und wahre Sinnerfüllung des Daseins“. Voller Begeisterung fing er an, die Herrlichkeit Sri Krischnas zu beschreiben. Doch plötzlich kam er zu sich, erinnerte sich seiner Aufgabe als Lehrer, senkte verlegen seinen Kopf und murmelte: „Lasst uns heute baden gehen, morgen fangen wir an zu lernen.“

Am nächsten Tag nahm sich Nimai fest vor, endlich mit dem Unterrichten zu beginnen. Doch kaum am Unterrichtsort angekommen, da geriet er wieder in Extase, begann mit Schülern Krishna-Nam-Kirtana (Gottes-Lob-Gesang) zu besingen oder erläuterte, wie die Bhagavat- Gita- Exegese vorzunehmen sei. Weitere sieben Tage gingen ins Land. Der Rhetorik, Rhythmik und dem gewaltigen Wellenschlag der ansteckenden Liebe zu Sri Krischna und dem Sri Krischna-Bewusstseins erliegen, entschlossen sich einige Schüler dem von Nimai beschriebenen Weg zu folgen. Aber einige Schüler, missmutig und enttäuscht wegen der ständigen Unterbrechung des Unterrichts, suchten Gangadash Pandit auf und beklagten sich, Nimai Pandit sei mit Sicherheit zurzeit der qualifizierteste Lehrer und sie verehren ihn abgöttisch, aber nach seiner Rückkehr aus Gäya-Dham habe er aufgehört richtig zu unterrichten und er fordere sie ständig auf zu „Sri Krischna Baja“ (bengl. bete zu Sri Krischna).

Gangadash Pandit, Nimais Lehrer, war Atheist. Er war fest davon überzeugt, dass die Wissenschaft es ist, die etwas bewirkt und dass sie den Menschen befähigt, die Entwicklung des multidimensionalen Denkens zu fördern und damit dazu, das Grundprinzip des Lebens als ein Kaleidoskop zu verstehen. Er empfahl den anwesenden Schülern am nächsten Tag zusammen mit Nimai bei ihm zu erscheinen.

Am nächsten Tag stimmte Nimai wieder gleich zu Unterrichtsbeginn den Lobgesang für Sri Krischna an, anstatt den Lehrstoff zu erläutern. Nachdem er wieder zu sich gekommen war, fragte er voller Zweifel: „Bitte sage mir, wie habe ich bisher gelehrt?“ Ein Schüler antwortete: „Gurudev, seit Ihrer Rückkehr aus Gäya-Dham haben Sie keinerlei Erläuterungen zum Lehrstoffes gegeben“. Daraufhin wurde Nimai sehr verlegen,schämte sich und murmelte: „Ich weiß nicht, was mit mir los ist, ich bin unfähig außer Sri Krischna etwas anderes zu denken, zu sprechen und zu lehren. Ich enthülle euch ein großes Geheimnis – auf dem Weg zum Unterricht nehme ich mir jedes Mal fest vor, meine Aufgabe des Lehrens mit vollem Ernst und höchster Aufmerksamkeit auszuüben. Aber genau in diesem Moment erscheint ein göttlich schönes, himmelblaues Kind vor mir und fängt an auf seiner Flöte betörende Melodien zu spielen und schon im ersten Augenblick seines Erscheinens und Ertönen des ersten Tons rauben mir sein Anblick und Klangfarbe der Harmonie meinen Verstand und lähmen meinen Körper“.

Begleitet von zahlreichen Schülern besuchte Nimai an diesem Nachmittag das Haus von Gangadash auf. Er verbeugte sich vor dem Gurudev Gangadash Pandit und empfing seinen Segen. Dann ergriff Gangadash das Wort: „Bishambar (Nimai)! um Lehrer in Nabadwip zu werden, benötigt man die Austerität. Du bist der Enkel von Nilambar Charkabarty und Sohn von Jagannath Misra. Dein Großvater und auch dein Vater waren berühmte Gelehrte. Ich selbst habe dich mit sehr viel Sorgfalt unterrichtet und du hast meinen Ruf noch vergrößert. Deine Reputation ist in ganz Bengalen bekannt. Deine Kommentare zu den Wisenschaft der Grammatik und Rhetorik findet zunehmend Anerkennung in den einschlägigen Gesellschaften. Mir ist zu Ohren gekommen, dass du das alles vernachlässigst und nur „Krishna Vaja“ (bengl. bete Krishna) predigt. Nimm Abstand von solchen Verrücktheiten und fang an wieder mit voller Ernsthaftigkeit zu lehren.“ Verlegen entschuldigte sich Nimai und versprach seiner Aufgabe nun nachzukommen. Danach gingen sie alle auf den Vorplatz des Hauses von Acharya Ratnagarbha, bedeckten den Boden mit Laken und fingen an über Lehrschriften zu diskutieren. Allmählich wurde es Abend. Alle waren über Nimais seine erhellenden Ausführungen und seine Logik verwundert und auch begeistert – plötzlich Ratnagarbha laut zitierte:

Shyamam Hirananyaparidhim…

(Vide: Srimad Vagabatam 10. Abteil/ 23. Abschnitt/ 22 Verse)

Sobald diese Beschreibung von Sri Krishnas überwältigendem Charme und göttlicher Schönheit Nimais Ohren erreichte, fiel er sofort in Ohnmacht. Die verängstigten Schüler sprühten Wasser auf sein Gesicht. Nimai kam zu sich und fing an sich am Boden zu wälzen und forderte Ratnagabarbha immer wieder auf, diese Verse zu wiederholen. Je öfter Ratnagarbha dies tat, desto heftiger wurde Nimais Unruhe und er fiel in die Verzuckung. Gadhadhar bat Ratnagarbha mit der Zitierung der Verse aufzuhören. Darauhin stand Nimai auf und umarmte Ratnagarbha der sich ihm zu Füßen warf. Ratnagarbha war der erste begnadete Günstling von Sri Chaitanya Mahaprabhu!

Nimai kam vollkommen zu sich und fragte beschämend: „Kinder, habe ich euch sehr beunruhigt?“ Die Schüler schwiegen und alle zusammen gingen zum Ganges zum Baden.

Am nächsten Morgen saß Nimai wieder in der Schule, umgeben von Studenten. Das Erlebnis vom Vortage hatte sie innerlich sehr aufgewühlt und sie überlegten ob der weise Lehrer Nimai vielleicht in Wirklichkeit die Inkarnation von Shukdeva oder Prahlad war oder er sogar Narayana in Menschengestalt sein könnte!

Plötzlich rief Nimai: „Liebe Schüler, ich möchte euch nicht mehr im Unklaren lassen. Ich habe eine große Bitte an euch. Habt Mitleid mit mir und befreit mich von dieser Lehrtätigkeit! Wie ihr schon wisst, sobald ich den Weg zur Schule nehme, erscheint mir, das schöne himmelblaue Kind mit seiner Flöte spielend und diesen Anblick raubt mir meinen Verstand und ich kann an nichts anderes mehr denken und über nichts anderes sprechen als nur über Sri Krishna. Ihr solltet woanders euer Studium fortsetzen.

Daraufhin begann der der Schulersprecher zu weinen und sagte seufzend:

„Gurudev, wer soll uns mit so viel Liebe, Sachverstand und Sorgfalt nun lehren. Was wir gelernt haben, sollte wohl genügen, aber wie sollen wir ohne deinen göttlich anmutigen Anblick, ohne deine Stimme und deine Gesellschaft leben?“

Daraufhin rief Nimai jeden einzelnen Schüler zu sich, umarmte ihn und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Anschließend sprach er: „Als euer Lehrer sage ich euch, es ist kaum sinnvoll weiter zu lernen, nehmt Zuflucht zur Sri Krishna, singt sein Loblied und hört auf den Ruf seines Namen. Lasst uns gemeinsam Krishna-Kirtana (Chor) singen. Das wird den ungerichteten Krishna-Willen in meinem Herzen in harmonische Symphonie umwandeln.

Die Schüler, in Liebe zu Krishna erfüllt, baten; „Gurudev, wir möchten so gerne Sri Krishna- Kirtana singen, aber zeige uns wie das geht.“

Nimai lehrte sie den Rhythmus durch Händeklatschen und dabei fing an zu singen:

Hari Haraye namah, Krishna Jodavaya namah,
Jadavaya Keshavaya Govindaya namah,
Gopal Govinda Rama Sri Modushudhana.

Das war der Anfang von Sri Krishna-Nama-Shankirtana im damaligen Indien. Man schrieb das Jahr (1430 Shakabda), also a.D. 1509.

Es war ein epochales Ereignis, denn bis dahin waren die Gottesanbetungen in der hinduistischen/buddhistischen Ritualistik nur in Form von Mantra-Rezitation und spezifischen Pflichthandlungen bekannt.

Aber Sri Gauranga Mahaprabhu war der Erste, der die liebevolle Gottesverehrung nur durch hingebungsvollen Gesang und rhythmischen Tanz als einen einfachen und gangbaren Weg vorgestellt und auch praktiziert hatte.

Fortsetzung folgt!